Späte Einsicht
Leise schwebten Schneeflocken aus dem grauen Himmel nieder und verzauberten die Stadt am Fluss. Es duftete nach frischen Lebkuchen und gerösteten Mandeln, nach Tannenharz und Kerzenwachs. In den Schaufenstern glitzerten goldene Sterne und bunte Glaskugeln neben drallen Engeln aus Messing. Kleine Weihnachtsbäume posierten in ihrem geschmückten Nadelkleid und trugen auf den Armen den zarten Schein kleiner Glühlämpchen. Es war wie im Märchen.
Für diese wunderschöne Verzierung hatte Amalia Sperling keinen Blick übrig. Sie saß hinter getönten Scheiben im Fond einer Luxuslimousine und blätterte unsanft in einer Zeitschrift. Sie war auf dem Weg zur Parfümerie von Maître Maurice Noirjean. In den herrlichen Düften konnte sie die Vorweihnachtszeit vergessen und ihrer wahren Leidenschaft für Parfüms nachgehen. Dennoch verriet der verbisse Blick, die zitternden Lippen ihr Missfallen. Sie verabscheute Weihnachten. Einfach der Nutzlosigkeit wegen.
»Weihnachten. Ein Fest der Liebe, ein Fest der Erleuchtung. So ein Unsinn«, zischelte Amalia Sperling vor sich hin. »Sie schließen die Geschäfte, meine Parfümerie, und gehen feiern, fallen sich in die Arme und tauschen Liebkosungen aus, überwinden ausgedehnte Zwiespalte und verschenken ein warmes Glücksgefühl.« Sie spürte einen Stich in der Brust, nur ein lästiges Ziehen in der Herzgegend. Amalia Sperling atmete tief durch. Sie beeilte sich, die sentimentale Anwandlung zu verscheuchen, die jedes Jahr und nur im Advent in ihr hochstieg. Doch diesmal verschwand der dumpfe Schmerz nicht. Sie atmete schneller. Das Herz begann zu flimmern. Schweiß perlte auf der Stirn. In den Augen zuckte die nackte Panik. Eine heiße Welle schoss ihr durch den Leib und schnürte ihr die Kehle zu. Von Angst erfüllt schüttelte sie die Handtasche neben sich aufs Lederpolster und wühlte im Chaos aus Kosmetika, Taschentücher, Füllfeder, Brieftasche, Hausschlüssel, Mobiltelefon und Parfümfläschchen nach dem Inhalator für Asthmatiker. Die Finger fanden nichts. Sie verlor allmählich die Besinnung, ihr schwindelte. Und dann fiel sie endlos in ein schwarzes Loch.
Amalia Sperling war siebenundsechzig Jahre alt und hatte keine Familie, keine Bekannten. Sie lebte ganz für sich in einer Villa. Lediglich der alte Dienstbote war ihr geblieben. Mehr brauchte sie nicht, mehr wollte sie nicht. Und sollte sie das unwahrscheinliche Verlangen nach Gesellschaft überkommen, kaufte sie sich welche. Geld hatte sie ja genug. Und damit wusste Amalia Sperling so einiges anzufangen. Schließlich erwarb sie sich auf die selbe Weise auch Sonderrechte und Anerkennung. Allein durch Reichtum.
Jemand klopfte ans getönte Glas. Amalia Sperling erkannte den Polizisten auf Anhieb und ließ die Scheibe zwei Finger breit herunter.
»Was wollen Sie, Herr Lehmann?«, fragte sie leicht verstimmt.
»Äh, Madame Sperling, ich muss Ihnen einen Strafzettel geben. Sie stehen im Halteverbot», murmelte der Polizist gezwungen.
»Wie bitte? Haben Sie mein Weihnachtsgeschenk für Ihren behinderten Sohn nicht bekommen?«, gab Amalia Sperling abfällig zurück. Der Polizist schielte verlegen auf seine Stiefel. »Na, wenn Sie schon mal hier sind, können Sie sich gleich nützlich machen und diesen herumlungernden Pöbel von der Strasse schaffen.«
»Aber, heute ist doch Suppentag.«
»Tja, da kann man wohl nichts gegen tun. Nun denn, ich brauche Sie nicht mehr, Herr Lehmann. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein schönes Weihnachtsfest.« Sie drückte auf den elektrischen Fensterheber.
»Madame ... der Strafzettel ... ich muss zumindest so tun.« Ihr Gesicht verschwand hinter der Scheibe – erhaben und unantastbar. Der Polizist schaute sich geduckt um, bevor er in die nächste enge Gasse floh.
»Alphonse, ich bin soweit. Lassen wir Maître Maurice nicht noch länger warten.« Der Chauffeur zwängte sich mühsam aus dem Leder. Er trat vorsichtig aufs glitschige Pflaster, setzte einen Fuß vor den andern und schlitterte in seinen Lackschuhen um das Heck der Limousine. Mit weißen Handschuhen öffnete er der Dame die Tür. Sie jedoch streckte bloß den Kopf hinaus und schaute besorgt auf den Asphalt.
»Alphonse, ich möchte weder meine Stiefeletten aus feinem Wildleder noch mein Kleid von Christian Dior aus Paris ruinieren. Darf ich bitten, und sputen Sie sich ein wenig.«
Geschwind holte der Dienstbote eine Decke aus dem Kofferraum und drapierte sie sorgsam über den matschigen Bürgersteig, bis sich der karierte Wollstoff einer Brücke gleich von Tür zu Tür spannte. Jetzt entfaltete Alphonse noch den Regenschirm und wartete. Amalia Sperling rollte den rechten Arm heraus, der in einen langen Handschuh gehüllt war.
»Alphonse.« Der Dienstbote half der Dame und führte sie sicher über die Decke zur Parfümerie. »Merci Alphonse. Sie dürfen sich nun entfernen, ich erwarte Sie in einer Stunde. Alors – adieu«, sagte Amalia Sperling in gestelztem Französisch. Sie war der Meinung, gebildete Damen von Rang müssten unbedingt in der Lage sein, in der Sprache der Könige zu konversieren. Der alte Mann nickte kurz.
»Bonjour, bonjour Madame Sperling«, lächelte Parfümeur Maurice Noirjean seiner besten Kundin entgegen. »Ah, Madame strahlen wie ein Frühlingsmorgen an diesem grässlichen Tag und versprühen ewige Jugend. Und erst noch Ihr Haar, Madame. Ich kann mich kaum satt sehen. Es glänzt wie ein Weizenfeld bei Sonnenaufgang«, schmeichelte Maurice etwas übertrieben.
»Oh Maurice, vous êtes très charmant.« Die Dame zeigte sich entzückt und reichte dem Maître die behandschuhte Hand zum Kuss.
»Mmmm, Madame riechen so gut. Sicher ›Ophelia‹ von Jean-Claude Ducré.« Amalia Sperling lächelte zustimmend, während Maurice seine Kundin sanft aus dem Pelz schälte und sie in den Salon führte, wo sich Amalia Sperling auf die weinrote Chaiselongue setzte. Sie pellte sich die Handschuhe ab und zog die Augenbrauen hoch.
»Alors. Was haben Sie mir heute anzubieten, Maurice?«
»Nun Madame, heute morgen fand eine Aufsehen erregende Kollektion von Pierre Vanderbilt, Henry LaCroix und Alexandre de Beaumont den Weg in mein bescheidenes Haus. Wirklich sehr apart, vielleicht auch ein wenig extravagant.«
Sie war neugierig, verlangte sogleich nach der Kollektion. Maurice winkte die zierliche Person mit asiatischen Gesichtszügen aus dem Entree herbei, die eine Schatulle voller Riechfläschchen brachte.
»Ah, Mai-Lin. Vielen Dank.« Er nickte freundlich. »Madame müssen unbedingt ›Empoison‹ von Pierre Vanderbilt probieren.« Maurice reichte der Kundin ein kleines Flakon.
Nach und nach träufelte Amalia Sperling die neu eingetroffenen Essenzen auf Handrücken und an den Hals.
»Maurice, lassen Sie mir die ganze Kollektion einpacken«, sagte Frau Sperling.
»Merci Madame. Madame sind wirklich zu gütig. Soll ich...«
»Mon Dieu, schon so spät. Wo bleibt Alphonse?« Sie schielte auf die goldene Cartier und runzelte die Stirn. Noch nie hatte sich der Chauffeur verspätet – bis heute.
»Madame bezahlen avec votre American Express?«
»Aber, aber, Maurice. Natürlich wie immer«, tadelte sie den Parfümeur spöttisch. Maurice lächelte charmant und verschwand mit der Kollektion.
Amalia Sperling tigerte nervös über den Teppich. Häufig blieb sie am Fenster stehen und schaute zur Haustür. Vom Chauffeur fehlte jede Spur.
»Wo steckt bloß dieser Greis?«, zischte sie. »Bestimmt ist er eingeschlafen.« Wieder schaute sie auf die Uhr und presste die Lippen fest aufeinander. »Ist ja aller Hand! Jetzt komme ich noch zu spät zum Bankett mit den Regierungsräten.« Sie hasste unpünktliches Personal.
Maurice stolzierte in den Salon und befreite Amalia Sperling aus den Gedanken.
»Voilà Madame, la petite facture.« Diskret schob der Maître seiner Kundin ein Etui hin.
Sie trank den Kaffee aus und fingerte in der Handtasche nach dem Portemonnaie. Nichts. Madame hielt kurz den Atem an. Immer noch nichts. Sie hob die Handtasche auf und blickte hinein. Ihr gepuderter Teint verfärbte sich.
»Diebe! Maurice, man hat mich beraubt. Und das in Ihrem Haus. Hilfe! Diebe!«, kreischte Amalia Sperling. Die Passanten im Entree drehten sich um.
»Bitte beruhigen Sie sich, Madame. Vielleicht haben Madame Ihre Wertsachen verlegt. Sie können...«
»Mein lieber Maurice, vergessen Sie bitte nicht, wen Sie vor sich haben! In meinem ganzen Leben habe ich noch nie irgend etwas verlegt«, keifte Frau Sperling den irritierten Parfümeur an. Maurice stand da wie vom Donner gerührt. Seine Kundin tobte und fluchte. So etwas hatte er noch nie gesehen.
In diesem Augenblick kam Mai-Lin in den Salon. Die Asiatin brachte die liebevoll verpackten Duftessenzen und lächelte. Sie konnte kein Wort von dem verstehen, was die Dame sagte.
»Sie ... dieses Flittchen hat mich bestohlen.« Mit hochrotem Kopf und die Augen weit aufgerissen, zeigte Amalia Sperling auf das unschuldige Geschöpf.
»Madame, ich versichere Ihnen, Mai-Lin verhält sich höchst anständig gegenüber der Kundschaft«, widersprach Maurice kaum hörbar. Er war der wüsten Beleidigung der Frau kaum mehr gewachsen.
»Papperlapapp! Vertrauen Sie einer weisen Dame, Maurice, und nehmen Sie sich in acht. Dieses exotische Früchtchen plündert eines Tages Ihr Geschäft«, sagte Amalia Sperling leichtsinnig.
»Niemals Madame!« Er suchte verzweifelt nach Worten. »Sie ist meine Tochter.«
Schweigen. Nur der flache Atem von Mai-Lin erfüllte den Raum. Amalia Sperling stand der Mund offen. Maurice zupfte ständig an seiner Unterlippe.
»Mon Dieu! Eine Verschwörung!« Sie legte die Hand auf die Brust und stürmte aus dem Salon. Maurice folgte ihr.
»Ich bitte Sie inständig, Madame, beruhigen Sie sich. Es ist bestimmt alles nur ein Missverständnis.«
»Ein Missverständnis?!« Sie fuhr herum und blickte Maurice scharf in die Augen. »Sie halten es nur für ein Missverständnis, wenn eine ehrbare Dame in Ihrem Etablissement von einer dubiosen Tochter ausgeraubt wird?! Also, ich nenne so etwas ein hinterhältiges Komplott. Sie mieser kleiner Kurpfuscher.«
»Ich darf doch sehr bitten.«
»Sie nicht«, geiferte Madame zurück, »Leute wie Sie gehören eingesperrt.«
»Bei allem gebotenen Respekt, Madame, hüten Sie sich vor Verleumdung dieser Art. Ansonsten bin ich gezwungen, die Polizei zu rufen«, wehrte sich Maurice.
»Schön. Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich will jedenfalls nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, Monsieur Noirjean.« Amalia Sperling warf den Kopf in den Nacken und trat ins Entree. Sie wich zurück. Zu spät. Die Woge aus dunklen Gestalten strömte bereits durch die Parfümerie, nahm Amalia Sperling sofort in sich auf und trieb sie energisch auf die Strasse hinaus.
Tausend Augen glühten aus düsteren Gesichtern. Markerschütterndes Geflüster und fliegende Fäuste drängten sie unweigerlich vorwärts. Schon spürte sie die kalte Feuchtigkeit im Rücken. Sie stand an einer Mauer, in einer finsteren Gasse.
»Hilfe! Polizei!«, schrie Amalia Sperling entsetzt auf. Sie ließ den angsterfüllten Blick hastig durch die vibrierende Menge schweifen, suchte ein vertrautes Gesicht. »Warum hilft mir denn keiner?!« Der wütende Pöbel kam immer näher, fauchend und rasselnd. Lange schwarze Gewänder blähten sich im Wind.
Endlich sah sie Maurice Noirjean. Die Asiatin. Polizist Lehmann. Und etwas abseits stand Alphonse.
»So helft mir doch, bitte«, flehte sie. Die vier Menschen hingegen rührten sich nicht vom Fleck, schauten nur stumm auf Amalia Sperling nieder. Dann nickten sie. Maurice Noirjean legte den Arm um Mai-Lin und führte seine Tochter zurück in den Laden. Polizist Lehmann entfernte sich. Und Alphonse stieg wieder in die Limousine.
»In Gottes Namen, lasst mich nicht allein. Ich habe Geld, sehr viel Geld.« Amalia Sperling hörte die Ladentür verriegeln. Das krachende Geräusch erschütterte sie und hallte tausendfach in ihr nach. Jetzt begriff sie. »Ich bin allein. Niemand kümmert sich um mich. Was nützt mir der ganze Reichtum. Ich bin verloren.« In dem Moment stürzte der Pöbel auf sie zu. Sie schloss die Augen und schrie auf. Alles schwarz.
Amalia Sperling saß stocksteif auf dem Lederpolster der Limousine und stierte vor sich hin. Sie atmete rasch. Im Kopf überschlugen sich Gedanken und das Herz raste. Allmählich kam sie zur Ruhe. Sie fuhr mit der Zunge über die trockenen Lippen. Die Finger zuckten und befühlten sanft den starren Leib.
»Ich lebe.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie zitterte aus lauter Freude. »Ich lebe wirklich. Gott sei Dank. Was bin ich dagegen für ein dummer Mensch. Ich könnte das Leben genießen und mein Glück mit anderen teilen. Doch was tue ich stattdessen? Ich schließe mich ein, ziehe mich ganz in mich zurück und verachte die Leute mit meinem Hochmut, nur weil sie Gefühle zulassen. Und ich demütige sie mit meinem Geld. Kein Wunder wenden sich die Menschen von mir ab. Dabei bin ich bloß ein kleiner Spatz im Kleid eines Paradiesvogels.«
»Wie meinen, Madame?« Alphonse schaute in den Rückspiegel.
»Ach Alphonse. Sie sind mir ein so treuer Gefährte. Ich schäme mich für meine Überheblichkeit Ihnen gegenüber.«
»Madame?!« Der Chauffeur drehte sich um.
»Doch, doch Alphonse. Ich möchte ehrlich mit Ihnen sein. Es war ungerecht von mir, Sie haben eine derart schlechte Behandlung nicht verdient. Denn, das Leben ist so wundervoll und zu kostbar, um es einfach mit Machtanspruch und anderen Belanglosigkeiten zu verschwenden. Aber, was erzähle ich Ihnen da, das haben Sie sicher schon gewusst. Mir jedenfalls ist es eben erst richtig klar geworden. Und das in meinem Alter. Lieber spät als nie, oder? Wissen Sie was, Alphonse, wir kaufen einen Weihnachtsbaum und viele viele Geschenke, kochen etwas Feines zu Heilig Abend und feiern gemeinsam Weihnachten. Ja, das machen wir.«
© 2007 Roger Jud