Weihnachtspost

Liebe Kathrin, lieber Simon ... Die Hand stoppt. Der Kopf hingegen analysiert innert Sekunden zigtausende Interpretationen, schätzt das Risiko ab und ermittelt aus den katalogisierten Werten eine vernünftige Lösung, die zumindest ansatzweise den Sitten entsprechen. Inzwischen starre ich auf die Karte mit der verschneiten Weihnachtslandschaft im Mondschein.
»Ist das wirklich richtig? Ist die Anrede gerecht?«
Der Mond scheint mich anzublaffen. »Mmhm, ich denke schon. Schließlich beherzige ich die Benimm-Regel von Adolph Knigge, deswegen auch Ladies first.«
»Opportunist. Knigge war ein deutscher Schriftsteller, der eine soziologische Aufklärungsschrift im 18. Jahrhundert über den Umgang mit Menschen verfasste. Sein Name steht heute irrtümlich für Ratgeber des guten Benehmens. Zudem sprach Knigge wohl kaum Englisch. Oder meinst du mit Ladies first, den berühmten A-cappella-Chor in Dortmund?«
»Äh, nein.«
»So mein Lieber, du verstößt also gegen den Gleichstellungsartikel unserer Bundesverfassung, Art 8 Abs 3: Mann und Frau sind gleichberechtigt. Mann zuerst.«
»Kein Wunder. Die Herren der Schöpfung spielen sich immer bloß auf, geifern dilettantisch nach der Macht und besetzen die Schaltzentralen im Staate, auch wenn was faul ist. Mir egal. Ich schreibe jedenfalls die Anrede in doppelter Ausführung hin, jeweils in umgekehrter Reihenfolge. Das ist super, genial.«
»Bist du total bescheuert? Das bringt doch nichts. Du musst ja mal anfangen, und augenblicklich favorisierst du eine Person, überlässt ihr den Vortritt. Die andere Person bleibt geschlagen zurück, degradiert als Anhang.«
»Tja, na dann entscheidet eben das Alter über die Hierarchie.«
»Wie? Alter vor Schönheit, oder was? Klingt echt verstaubt. Wo lebst du denn? Wir sind im dritten Jahrtausend angekommen. So funktioniert das nicht, mein Lieber.«
»Du nervst! Wie zum Teufel soll ich meine Weihnachtspost erledigen, wenn du dauernd dazwischen laberst? Moment mal. Ja, ja, so könnte es gehen, dem Alphabet nach. Ich ordne die Anrede ganz einfach nach Buchstaben.«
»Nach Alphabet. Hat man so was schon gehört. Du machst dir die Sache wirklich zu leicht. Was kann denn jemand dafür, wenn sich Eltern idiotischen Namen ausdenken, die ganz hinten im Abc stehen. Wie etwa Xenon, Yogi, Zantis. Nun mach mal einen Punkt.«
»Genau. Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich. Fertig ist das Angesicht.«
»Ich dachte, du schreibst eine Karte.«
»Nein, ich male jetzt.«
»Welches Gesicht zuerst?«
Ich zerreiße die Karte und stopfe mir die Schnipsel in den Mund. Schritte nähern sich. Meine Frau kommt.
»Was machst du da?«
»Mmmm ... nichts.«
»Aha, nichts. Na schön, wie weit bist du mit der Weihnachtspost?«
»Äh, hab mich festgebissen.«
»Das sehe ich. Rutsch mal rüber.«
Ja! Ich bin gerettet, stehle mich aus der Verantwortung. Meine Frau schreibt die Weihnachtsgrüsse, wie immer.

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